Wer im Jahr 50.000 Kilometer mit dem Auto, Bahn oder Flugzeug zurücklegt, für den ist eine mehrtägige Hiking-Tour in den Bergen eine wahre Geduldprobe. Nur langsam werden Kilometer gut gemacht – jeder davon hart erkämpft mit den eigenen Füßen statt einem Benzinmotor. Trotz aller Strapazen ist das Gefühl danach unbeschreiblich. Wir haben zu dritt eine solche Tour teilweise als Hiking, teilweise als Speed Hiking am Rennsteig gemacht. Fünf Tage, knapp 170 Kilometer, Rucksack und Schlafsack.
Wer eine zünftige Rennsteigwanderung machen will, muss in Hörschel nahe der Eisenacher Wartburg einen Stein aus der Werra aufnehmen, diesen zu Fuß über die 169,3 Km Rennsteig tragen und schließlich am Ende in Blankenstein in die Saale werfen oder „nei leddern“, wie es hier im Osten heißt.
Der Rennsteig verläuft durch den Thüringer Wald, das Thüringer Schiefergebirge sowie den Frankenwald und wurde vom Deutschen Wanderverband als Qualitätswanderweg ausgezeichnet. Über „Stock und Stein“, wie Herbert Roth den Kammweg einst im „Rennsteiglied“ besang, gehen nirgendwo anders in Deutschland so viele Naturfreunde auf ausgedehnte Wanderschaft.
Oft werden diese Touren über den Höhenwanderweg des Thüringer Waldes über sechs oder sieben Tage gemacht. Wer nicht nur wandern und die Faszination Natur erleben will, sondern die Herausforderung sucht, kann es in weniger Tagen probieren. Fünf Tage bedeutete für uns knapp 34 Kilometer pro Tag mit vollem Gepäck. Vor allem für das Speed Hiking haben wir Stöcke mitgenommen. Übernachtet haben wir dreimal im Wald und einmal im Gasthaus. Das Übernachten im Thüringer Wald als Zelten ist nur mit Genehmigung des Forsts, bzw. des jeweiligen Waldpächters erlaubt (siehe Artikel: "Wildcampen in Deutschland").
Hörschel (bei Eisenach) bis Bergsee Ebertswiese – 45 Kilometer
Streckenprofil: anspruchsvoll
Tempo: Speed Hiking
Ganz ehrlich: den ersten Tag haben wir uns übernommen. Wir wollten übermutig im Speed Hiking den Rennsteig erklimmen. Untrainiert ist von dieser Mission unbedingt abzuraten. Rechtzeitig sollten Beine durch beispielsweise Crossläufe und Treppenlaufen sowie Rücken- und Bauch-Muskulatur für das Hiking beispielsweise durch Schwimmen vorbereitet werden. Die 45 Kilometer sind im Speedhiking natürlich machbar, aber wer danach noch vier Tage so weitermachen will, muss sich auf einiges gefasst machen.
Wer das Abenteuer bestreiten will, fährt am besten mit dem Zug nach Eisenach und steigt dort in die Bahn nach Hörschel um.
Dort will es die Tradition so: Man nehme einen Stein aus der Werra auf und trage diesen zu Fuß über den gesamten Rennsteig bis an dessen Ende in Blankenstein. Dort wird der Stein dann als Abschluss der Wanderung in die Saale geworfen. Soweit die Tradition.
Wir sind zu dritt kurz nach 9 Uhr mit den Steinen und unserem Outdoor-Gepäck losgelaufen. Vom Tor zum Rennsteig bei rund 200 Höhenmetern geht es steil voran durch den Naturpark Thüringer Wald über die Hohe Sonne zum Inselsberg. Zwischendurch werden wir für die Anstiege mit schönen Panoramas auf die Wartburg und den Nationalpark Hainich belohnt. Im Speed Hiking kommen wir bis zum Inselsberg (916 M.ü.NN) bei 32,5 Kilometern und gut voran. Auf der schönen Sonnenterasse entschieden wir uns weiterzulaufen bis zum Bergsee Ebertswiese, der bei ungefähr 45 Kilometern liegt. Wir sind erst gegen 23 Uhr angekommen, weil die Strecke dann doch zehrender war, als wir zunächst dachten. Das Streckenprofil ist sehr anspruchsvoll.
Unter freiem Himmel übernachteten wir in der Nähe der Ebertswiese. Der Aufenthalt am See ist nach 20 Uhr nicht mehr gestattet. Tagsüber ist der Bergsee ein Geheimtipp zum Baden, Grillen und am Feuer sitzen. Wegen der hohen Waldbrandstufe kam ein Feuer aber ohnehin nicht in Betracht. Erschöpft von 45 Kilometern Speed Hiking fielen wir wie tot und ohne Abendbrot in die Schlafsäcke. Mit der Geräuschkulisse der Natur und einem klaren Sternenzelt über uns sammelten wir wieder Kräfte.
Ebertwiese bis Sommerwiese – 21 Kilometer
Streckenprofil: anspruchsvoll, teilweise zehrend
Tempo: Wandern
Am Morgen ging es erstmal zur Erfrischung ab in den schönen, kühlen Bergsee. Wir sind viel zu spät wach geworden und erst kurz vor Mittag losgekommen. Nachdem wir am ersten Tag noch mindestens so viele Wanderer überholt wie wir Kilometer „geschrubbt“ haben, rächten sich am folgenden Tag unsere Körper fürchterlich. Fuß- und Muskelschmerzen drosselten unser Tempo, sodass wir an diesem Tag froh waren 21 Kilometer zu schaffen. Das Streckenprofil erforderte Biss. Zehrende, sich ziehende Etappen säumten die Tagesroute. Bei durchschnittlich 850 Meter ü.NN. verläuft der Kammweg hier teilweise sinuskurvenartig. Erklommene Höhenmeter verschwinden schnell wieder. Langsam kamen Zweifel auf, ob wir den Rennsteig wirklich in fünf Tagen schaffen. Andere Wanderer, die wir trafen, erzählten uns, sie laufen in sechs oder sieben Tagen – ohne Gepäck. Am Rennsteig gibt es dafür Transport-Services. Die vielen Schutzhütten und Wanderer-Rastplätze verleiteten immer häufiger zu Pausen, die uns viel Zeit kosteten. Am Grenzadler haben wir uns noch mit einer zünftigen Mahlzeit und einem Radler für die Strapazen belohnt und gleichzeitig gestärkt für die letzten Kilometer bis zu einer Schlafstelle. Kurz hinter dem Rennsteiggarten sind wir an der Sommerwiese fündig geworden. Da es vor der Wanderung geregnet hatte, war die Waldbrandgefahr gerade relativ gering. Weiterhin lag die Schutzhütte, neben der wir geschlafen hatten, an einer Straße lag. So entschieden wir uns für ein Feuer. Das Feuer sollte auch die Mücken fern halten. Für den kommenden Tag haben wir uns mit einem zweiten Abendbrot gestärkt. Aus der Camping-Küche gab es Nudeln, zu denen wir Tomatensuppe als Sauce direkt ins Nudelwasser gegeben haben. Danach haben wir Jagdwurst klein geschnitten und dazu gegeben. Lecker!

Sommerwiese bis Masserberg – 32 Km
Streckenprofil: schwierig
Tempo: Wandern und Speed Hiking
Wir wussten, dieser Tag würde entscheiden, ob wir die Rennsteigwanderung schaffen. Wir hatten nicht mehr als die fünf Tage zur Verfügung. Immer noch hatten wir alle Schmerzen und unzählige Blasen an den Füßen. Die Kraft wollte auch nicht in die Muskeln zurückkehren. Irgendwann tragen die Beine dann doch weiter, als man denkt.
Wir starteten dieses Mal kurz nach zehn Uhr – immer noch zu spät – aber wir brauchten die Erholung. Als aber immer mehr Wanderer an uns vorbei kamen, sind wir dann doch endlich aufgestanden.
Von der Sommerwiese aus ging es zunächst vorbei am großen Beerberg, dessen Gipfel wegen des Naturschutzes selbst nicht betreten werden kann. Zwischen dem Biosphärenreservat Vessertal kamen wir vorbei an der Schmücke, die Herbert Roth gern besang. Auch das Denkmal des Rennsteiglied-Erfinders ist dort in der Nähe errichtet worden. Auf der Schmücke lässt es sich noch mal gut stärken. Wer die Zeit hat, sollte den kurzen Umweg auf den Schneekopf nicht scheuen. Die Belohnung: Ein herrlicher Rundumblick über Thüringen von einem Turm auf knapp 1000 Höhenmetern. Wer die Kraft hat, kann den Turm kletternd von außen besteigen. Wir hatten beides nicht :o)
Von der Schmücke aus führte uns der Weg zunächst zum Bahnhof Rennsteig über schmale, abwechslungsreiche Trails und vorbei am Mordfleck. Dank der starken Bewaldung des Rennsteigs erwischte uns die Gluthitze dieser Tage nicht ganz so stark.
Leider zeichnete sich am Bahnhof Rennsteig ab, dass wir die Wanderung nur noch zu zweit fortsetzen können, weil unser dritter Mann aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste. Wir haben uns noch mal mit Wasser versorgt am Rennsteig. Es gibt nur wenige Gelegenheiten am Rennsteig, Wasservorräte in der Natur aufzustocken. Am Bahnhof Rennsteig haben die Bahnfreunde eine Wasserpumpe am Gleis, die für Erfrischung sorgt.
Nachdem es von der Schmücke zum Bahnhof Rennsteig abwärts ging, mussten wir die Höhenmeter auf dem Weg über den Dreiherrenstein, die historische Mitte des Rennsteigs, zurückerobern. Weiter nach Neustadt am Rennsteig und Masserberg ist der Weg zwar sehr schön und wir kommen im Hiking-Tempo trotz Blessuren gut voran, aber die Herausforderung für Körper und Geist ist enorm. Willensstärke und Durchhaltevermögen sind gefragt gewesen. Die letzten Kilometer vor Masserberg ist der Rennsteig in schlechtem Zustand. Grobes, loses Geröll empfing uns wie in einer alpinen „Bärenfalle“. Nur noch zu zweit sind wir mit letzter Kraft und bei Einbruch der Dunkelheit in Masserberg angekommen. An einer Rodelwiese haben wir unsere Schlafsäcke ausgebreitet und wieder unter dem Sternenzelt geschlafen.

Masserberg bis Spechtsbrunn – 32 Kilometer
Streckenprofil: anspruchsvoll, teilweise zehrend
Tempo: Hiking
Die Motivation kehrte zurück. Wir hatten besser geschlafen und sind früh losgekommen. Immer wieder hatten wir Probleme, unsere Wasservorräte aufzufüllen. Die Hitze wurde immer schlimmer. Zum Glück sind wir bis Friedrichshöhe viel auf schattigen Wald- und Feldwegen unterwegs gewesen. Die schöne Flora des Rennsteigs bot neben tollen Ausblicken auch viel Schutz. In Friedrichshöhe sind wir in einer kleinen Gaststätte eingekehrt und haben unsere Wasserflaschen aufgefüllt.
Kurz hinter dem malerisch gelegenem Dorf hatten wir leider zunehmend den Eindruck, der Rennsteig verliert langsam etwas an Glanz. Die Wege und Wegführungen wurden schlechter, wir landeten ungewollt in der Innenstadt von Neuhaus und hatten in der Gluthitze enorme Schwierigkeiten, eine geeignete gastronomische Einrichtung zu finden, die auch noch geöffnet ist. Den Rennsteig-Gipfel der Unverschämtheit haben wir am Ortsausgang von Neuhaus gefunden. Die Wegführung am Bahnhof und Verkehrskreuz Ernstthal und der Anblick dort hat leider nichts vom idyllischen Zauber
des Rennsteigs. Hat man Neuhaus am Rennweg verlassen wird es aber wieder angenehmer. Waldwege mit Nadelbett, abwechslungsreiche Trails, auf denen wir auch wieder mit den Hiking-Stöcken Tempo bekommen haben. Bis Spechtsbrunn blieb der Weg angenehm. Die letzte Nacht vor der alles entscheidenden Etappe wollten wir lieber nicht im Wald übernachten. So abenteuerlich schön das ist, die Waldgeräusche weckten uns oft auf. So kehrten wir im Gasthaus Rennsteig in Spechtsbrunn ein. 22 Euro pro Nacht mit Frühstück fanden wir okay. Zum Abendbrot gab es Putensteak. Das Vital-Frühstück war für eine Wanderer-Einkehr angemessen.
Spechtsbrunn bis Blankenstein – 39 Kilometer
Streckenprofil: einfach, aber teilweise wandererunfreundlich
Tempo: Speed Hiking
Der alles entscheidende Tag. Wir wussten nicht, ob wir in unserem abgekämpften Zustand (starke Schmerzen in Füßen, Muskeln und Kniegelenk) wirklich bis zum Abend in Blankenstein sind. Problematisch ist dabei auch, dass aus Blankenstein kurz vor 19 Uhr der letzte Zug zurück in die Zivilisation fährt. Daher haben wir uns trotz Blessuren im Speed Hiking auf einen Kampf eingestellt. Ohne die Hiking-Stöcke hätten wir das sicher nicht geschafft. Die Strecke bis Steinbach am Wald war angenehm und wir sind in gutem Tempo trotz hoher Temperaturen vorwärts gekommen. Ab Steinbach verlor der Rennsteig für viele Kilometer seine Attraktivität.
Im bayrischen Teil des Rennsteigs scheint das touristische Interesse für den Rennsteig etwas geringer zu sein. Der teilweise neu gebaute und geführte Kammweg wird hier kilometerlang an einer belebten Hauptstraße entlang geführt. Uns kamen sogar auf dem Wanderweg Autos entgegen. Eine Anwohnerin erklärte uns, beim Bau habe man mehr die Interessen der Radfahrer im Sinn gehabt. Der Rennsteig macht hier kilometerlang geteert wirklich keinen Spaß. Der Untergrund macht unseren Füßen trotz gutem Wanderschuhwerk sehr zu schaffen. Es gab zudem kaum Schatten und nur selten Wanderer-Rastplätze oder Schutzhütten. Der geteerte Rennsteig vor und hinter Steinbach am Wald wird aber schließlich wieder von der Natur eingeholt. Das Grenzgebiet im Naturpark Frankenland ist allerdings teilweise auch sehr schön und mit einem Informationssystem über eine Telefonnummer auch sehr lehrreich in Sachen Geschichte. Dann geht es in das Thüringer Schiefergebirge. Insgesamt fiel uns auf, dass der östliche Rennsteig deutlich weniger Gastronomie anbietet. Nur durch eine liebe Wirtin bekamen wir in Brennersgrün zumindest eine Getränkestärkung und konnten unsere Wasserflaschen auffüllen. Übrigens, wer etwas Zeit hat, am Ortsausgang von Brennersgrün haben die Bewohner mit viel Liebe und Ideen eine kleine Stadt aus Waldmaterialien gebastelt.


Die letzten Kilometer bis Blankenstein im Thüringer Schiefergebirge wurden bis auf ein paar schlecht präparierte Teilstücke wieder angenehm. Es wurde abwechslungsreicher in der Landschaft. Während die Teile über Asphalt sich sehr gezogen haben, halfen Untergrund und Schatten, hier besser voran zu kommen. Schließlich ging es bis Blankenstein langsam bergab. In Schlegel haben wir noch mal in einem Gasthaus für die letzten Kilometer ein Original Thüringer Rostbrätl mit Zwiebel gefuttert. Die verbleibenden knapp sieben Kilometer des Rennsteigs führten uns noch einmal auf einem Feldweg an einer Verkehrsstraße entlang, die aber kaum befahren ist. 
Kurz vor 21 Uhr hatten wir es geschafft. Das unterwegs oft unmöglich Geglaubte: Wir haben die Steine in die Saale geworfen oder wie man in Thüringen sagt: „Geleddert“. So sahen wir auch aus.
Bei allen Strapazen: Der Rennsteig ist unglaublich schön, nur nicht an allen Stellen so idyllisch und romantisch, wie Herbert Roth ihn besang.
Statt Wanderstöcken, die damals mit auf Tour gingen, hatten wir Hiking-Stöcke. Ein MUSS für alle, die nicht wandeln, sondern zügig wandern wollen. Denn der Boden des Rennsteigs ist oft steinig und wild.
• Grüßen Sie andere Wanderer mit dem hier typischen Gruß „Gut Runst“, was so viel bedeutet wie „Gute Rennsteigwanderung wünsch ich“.
• Nehmen Sie gutes Schuhwerk mit: Die Sohle sollte hart genug sein für den Untergrund, aber die natürliche Bewegung des Fußes darf dabei nicht zu sehr blockiert werden. Außerdem sollten die Schuhe für eine längere Tour auch nicht allzu schwer sein. Je schwerer die Sohle, desto mehr fördert sie eine falsche Abrollbewegung.
• Einlegesohlen können die Schuhe zum Laufen bequemer machen. Bei längeren Touren nützt das aber nicht viel, wenn die gesamte Fußbewegung ungesund ist.
• Nehmen Sie beim Hiking mit Gepäck am besten Trekking-Stöcke.
• Salben wie Finalgon helfen unterwegs gegen sportbedingte Muskel-, Nerven- und Gelenkschmerzen und fördern die Durchblutung (aber Vorsicht bei der Dosis, brennt sehr!).
• Nehmen Sie ausreichend Wasser sowie ein Erste-Hilfe-Set mit.
• Wanderkarte: Wir haben die wetterfeste Wanderkarte „Rennsteig“ von Public Press verwendet. Maßstab 1:25.000 reicht wegen der insgesamt guten Kennzeichnung des Rennsteigs völlig aus.
• In den Pausen die Füße und Waden lockern und leicht massieren, nach der Wanderung Dehnen nicht vergessen.
Autor: Henryk Balkow
Fotos: aktivwellness.de
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