Im Gastgewerbe haben sich unter dem Druck des internationalen Wettbewerbs viele Etiketten angesiedelt. Aktiv-Reisen, Nordic Walking-Touren, Gesundheits- oder Wellness-Urlaube – die Vielfalt an Angeboten ist groß geworden, aber damit auch undurchsichtiger. Tanja Hanslbauer von der Hochschule München ist Tourismusforscherin und weiß, wie Verbraucher die Spreu vom Weizen trennen können und so zu ihrem wohl verdienten und perfekten Urlaub finden.
Den Kern touristischer Angebote stellen - ganz grundsätzlich - Unterkunft und Verpflegung dar. Darüber hinaus geht es im Tourismus immer auch um einen Ortswechsel und damit verbunden den Bezug zu einer speziellen Urlaubsregion, der Destination. Dies alles sind auch Bestandteile von Wellnessangeboten, wobei meiner Ansicht nach vor allem dem Bezug zur Urlaubsregion eine große Bedeutung zukommt. Wellnessangebote im Tourismus müssen aber mehr leisten... Im Sinne eines ganzheitlichen Wellnessverständnisses unterscheiden wir fünf Angebotskomponenten, an denen sich Urlauber auch bei ihren Recherchen orientieren können: Sport/Fitness, entsprechende Ernährung, Entspannung/Erholung, Beauty/Körperbehandlung, medizinische/gesundheitliche Beratung und Betreuung. Ergänzend halten wir im Wellness-Bereich auch Gemeinschaft, bzw. Geselligkeit und geistige Betätigung für das Wohlempfinden wichtig. Wir gehen also von einem Wellnessverständnis aus, in dem sowohl Angebote für Körper als auch für Seele und Geist zu finden sind.
Wir haben im Januar 2007 unter anderem auch dazu eine bevölkerungsrepräsentative Verbraucherbefragung in Deutschland durchgeführt und vertiefen die Ergebnisse zur Zeit in einer weiteren Studie. Soviel sei aber schon einmal vorweggenommen: Es ist vor allem auch die individuelle Reiseerfahrung, die das Verständnis von „Wellness“ bestimmt. Unsere Persönlichkeit, als Summe von individuellen Erfahrungen, persönlichen Werthaltungen etc. beeinflusst die Urlaubsplanung stärker als z.B. unser biologisches Alter.
Insgesamt kann man feststellen, dass Verbraucher, ob mit individueller Wellnesserfahrung oder ohne, eine sehr genaue Vorstellung von dem haben, was sie von einem Gesundheits- und Wellnessurlaub erwarten. Grundsätzlich ist es aber so, dass entweder die Hardware (Sauna, Bäder) oder die Software (Massagen, Körperanwendungen, Wellness- und Beautyangebote) dominiert.
Ich halte in Österreich Tirol, in Italien Südtirol und in Deutschland Oberbayern oder das Allgäu aus eigener Erfahrung für sehr fortschrittlich. Allgemein lässt sich feststellen, dass vor allem Tourismus-Gebiete, die selbst eine lange Kurtradition haben, hier im Vorteil sind. Die Infrastruktur und die entsprechenden Netzwerke für Wellness-, Aktiv- und Gesundheitsangebote sind hier oft bereits gegeben. Wenn dann das Potential richtig genutzt wird, können zwischen Kur und Wellness vielfältige Synergie-Effekte entstehen.
Als Daumenregel empfehle ich: Suchen Sie nach dem roten Faden! Qualitativ hochwertige Wellnessangebote haben ein schlüssiges Gesamtkonzept, eine Philosophie im Hintergrund und bieten beispielsweise Sauna, Massage und Nordic Walking mit einem gemeinsamen thematischen Bezug an. Der ganzheitliche Anspruch endet aber nicht beim eigenen Angebot. Die Vernetzung mit Angeboten der Region, d
ie Verbindung zu regionaltypischen Produkten, zur Tradition rundet das eigene Angebot ab und generiert Authentizität. Ob ein derartiger Ansatz verfolgt wird, erkennt man oft schon bei genauerem Hinsehen auf der Website. Existiert eine eigene Wellnessphilosophie, d.h. eine eigene, mit dem Angebot verbundene, durchgängige Geschichte, hat sich der Anbieter intensiv mit der Thematik auseinander gesetzt. Dies wiederum lässt dann auch eine gewisse Qualität im Angebot vermuten.
Es gibt sehr viele Gütesiegel. Aber Gütesiegel ist nicht gleich Gütesiegel. Es ist wichtig, von wem das Gütesiegel verliehen wird, welche Kriterien ein Anbieter erfüllen muss, um es zu erhalten und ob diese Kriterien regelmäßig überprüft werden. Bewährte Gütesiegel sind z.B. das Gütesiegel des Deutschen Wellness Verbands, des Deutschen Heilbäderverbands, der Wellness-Hotels-Deutschland und des Deutschen Medical Wellness Verbands. Auch bieten Landesmarketing-Organisationen wie z. B. die Bayern Tourismus Marketing GmbH mit ihrer Marke „wellvital“ Orientierung in der Angebotsvielfalt.
Eine orginäre, d.h. eigenständige Ausbildung gibt es in diesem Bereich noch nicht. Nur im Gesundheitsbereich haben wir ein paar klassische Ausbildungen wie z.B. den Masseur. Es existieren aber zahlreiche Fort- und Weiterbildungsangebote. Wir haben im Rahmen unserer Forschungsarbeit auch zu diesem Thema recherchiert und eine Datenbank mit Angeboten zusammengestellt. Dabei haben wir uns bemüht, einen Querschnitt durch die Angebotsvielfalt abzubilden, der für Interessierte sicherlich als erste Orientierung eine große Hilfe sein kann. Eine touristische Dienstleistung kann nicht ohne den entsprechenden Mitarbeiter erbracht werden. Dessen Aus-, bzw. Fort- und Weiterbildung kann gar nicht hoch genug gewichtet werden.
Aufgrund unseres Forschungsschwerpunktes kann ich das auf jeden Fall über den Alpenraum sagen. Hier haben wir es mit einer langen Gesundheits- und Kurtradition zu tun, die in der jüngeren Vergangenheit mit den Sommerfrischlern im 19. Jahrhundert etabliert wurde, aber ursprünglich noch viel weiter zurück reicht. Diese Gesundheitskompetenz hat der Alpenraum nie verloren, allerdings ist sie mittlerweile nicht mehr im Bewusstsein des Verbrauchers verankert. Wie wir feststellen mussten, wird der Alpenraum überwiegend als Naturraum mit einer starken Fokussierung des Winters wahrgenommen. Gesundheit und Wellness hingegen nehmen keinen relevanten Stellenwert ein. Und genau hier liegt das Potential und die Herausforderung für Anbieter im Alpenraum:
Die existierende Gesundheitskompetenz wieder im Bewusstsein der Verbraucher zu verankern!
Wenn man nun ganz grundsätzlich nach Vorrausetzungen sucht, die Regionen mit touristischem Entwicklungspotential im Wellness-, Aktiv- und Gesundheitssektor kennzeichnen, so wären dies meiner Ansicht nach vor allem gute naturräumliche Bedingungen, gute Infrastruktur, Dienstleistungsnetzwerke, Erfahrung im Gesundheitsbereich.
Ich verbinde mit dem Begriff zwei Komponenten: Einerseits die körperliche, andererseits auch - und genauso wichtig - die psychische Aktivität. Ich denke, genau das zeichnet Aktivwellness aus: Es ist Erholung durch die Kombination der Aktivität von Körper und Geist. Aktivität und Erholung stellen für mich keinen Widerspruch dar, im Gegenteil. Hier geben uns unsere Studienergebnisse recht: Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung möchte in einem Gesundheits- und Wellnessurlaub aktiv sein und sich dabei erholen. So kehrt man dann nicht nur erholt, sondern auch gestärkt aus dem Urlaub zurück.
Zur Person:
Tanja Hanslbauer (Diplom-Betriebswirtin FH) arbeitet als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin im Alpsheathcomp-Forschungsprojekt an der Fakultät für Tourismus der Hochschule München (FH) und promoviert an der Universität Innsbruck im Bereich Konsumentenverhalten und Kaufentscheidung. Das Forschungsteam an der Fakultät für Tourismus in München beschäftigt sich derzeit mit Fragen zur Wahrnehmung von Gesundheits- und Wellnessangeboten durch den Verbraucher und der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Alpenraumes als nachhaltige Gesundheits- und Wellnessdestination.
Autor: Henryk Balkow
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